Freitag, 18. Februar 2011

Der Film-Film

Ach, ich schmelze dahin.

Kein Action-Film, kein Liebesfilm, kein Fantasy-Film. Ein Film ohne überraschende Wendungen, ohne Aufregung, Gewalt, Tote oder Verletzte, Liebe gibt es auch keine, Sex schon gar nicht, schnelle Autos fehlen ebenfalls. Das Handwerkszeug ist traditionell, ich merke keine ungewöhnliche Schnittführung oder Lichteffekte. Es ist kein Budget-Film, aber auch kein Millionenschinken.

Wenn er so vieles nicht ist, was ist es dann für ein Film?

Einer zum Hinknien! Ein bis ins letzte Detail wunderbar gemachter und schauspielerisch hervorragender Film: The King's Speech. British understatement meets perfection - das Ergebnis ist ein Film, der nicht mehr sein will als ein guter Film - allerdings gelingt ihm das in ungewöhnlicher Perfektion. Gehet hin und sehet ihn euch an, ihr Kinoliebhaber da draußen, aber bitte unbedingt in der Originalversion (mit Untertiteln oder ohne).

Sonntag, 13. Februar 2011

Was man sich so alles zuziehen kann!

"Schädelbruch nach Massenschlägerei", titelt der ORF. Irgendwo im tiefsten Vorarlberg sind Einheimische und Deutsche einander an die Gurgel gegangen. Und weiter:
"Ein 19-jähriger Mann aus dem Landkreis Ravensburg zog sich einen Schädelbruch zu." 
Ja, man kann sich Verletzungen zuziehen, während man mit etwas anderem beschäftigt ist, und dabei verletzt wird oder sonstwie zu Schaden kommt. Wenn es nicht darum geht, dass einem jemand anderer absichtlich etwas tut. Man fällt von einer Leiter oder vom Dach, verrenkt sich die Glieder beim Klettern. Was aber hier verharmlost wurde, das sind höchst absichtlich erfolgte Tritte:

"Dabei wurde der 19-Jährige von Unbekannten gegen den Kopf getreten, informierte die Exekutive."

Aha. Aber was kann schon dem Vorarlberger sein Fuß dafür, an den Kopf des Deutschen zu geraten, schließlich wurde gepöbelt, gerauft, jemand setzte Pfefferspray ein, und dabei ist es unglücklicherweise quasi nur so passiert:

"In der unübersichtlichen Situation sei der 19-Jährige dann gegen den Kopf getreten worden."

Völlig entpersönlicht. Nein, da ist niemand Bestimmter, der seinen Fuß derart steuert, dass er mit knochenbrecherischer Kraft gegen den Kopf des anderen prallt. Vielleicht war es überhaupt der Kopf, der sich an den Fuß rangemacht hat?

Nichts geht über Nachbartschaftsliebe.

Dienstag, 8. Februar 2011

Die Straßennamen-Frauenquote

Wenn ich es nicht Schwarz auf Weiß auf dem Bildschirm sehen würde, könnte ich so etwas für einen Anti-Gender-Mainstreaming-Witz gehalten:

"In Charlottenburg-Wilmersdorf gibt es seit sechs Jahren einen Beschluss, wonach nur noch nach Frauen umbenannt werden darf. 'Weil man damals festgestellt hat, dass nur vier Prozent der Plätze und Straßen weibliche Namen tragen', sagt Stadtrat Gröhler.
(Quelle: Spiegel Online)
Ronald Reagan wäre in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden. Es geht darum, dass ihm eine Straße oder ein Platz in Berlin gewidmet werden soll. Zu Recht, finde ich, denn für seine prophetische Aufforderung (".... Mister Gorbatschow, tear down this wall!") und für die Haltung, die diesen Satz ermöglichte und hervorbrachte, verdient es Reagan, dauerhaft geehrt zu werden.

Charlottenburg-Wilmersdorf würde das Problem mit dem Männernamen schon irgendwie lösen, da bin ich mir sicher, wenn die SPD sich endlich dazu bequemt, über die Tatsache hinwegzusehen, dass die Umbenennung ein Lieblingsprojekt der CDU war und ist.

Die institutionalisierte Frauenförderung treibt wahrhaft exotische Blüten.

Montag, 7. Februar 2011

Erst kommt die Moral - aber unverbindlich bitte

Moralisieren (aber nicht entsprechend zu handeln) scheint eine Sucht des homo sapiens geworden zu sein, schreibt Matt Ridley in seinem Buch „The Origins of Virtue“ (S. 216):

„If ... the human race is addicted to moralizing (though not necessarily acting) in favour of the greater good, for evolutionarily good reason, then it is no surprise that we seize upon political issues to express this instinct whenever we can."


Den hehren moralischen Prinzipien sollten aber bitte zunächst einmal nur die anderen folgen:

„Just as we wish other people to turn the other cheek when hurt, but seek revenge on behalf on close relatives and friends, just as we urge morality far more than we act it, so environmentalism is something we prefer to preach than to practise. Everybody, it seems, wants a new road for themselves, but less road-building. Everybody wants another car, but wishes there were fewer on the road. Everybody wants two kids, but lower population growth.“

Das hochmoralisch Plapperhafte ohne praktische Konsequenzen für einen selbst, unter gleichzeitiger Inkaufnahme schlimmer Folgen für die Betroffenen, bestimmt genauso die Politik. Gut zu beobachten am Beispiel Ägypten in diesen Tagen. Demokratie für die Ägypter, aber dalli-dalli, und wer nicht zustimmt,  katzbuckelt vor Despoten. Dass das persönliche Katzbuckeln in Form von Urlaubsreisen nach Scharm-El-Scheich nicht dazu gerechnet wird, versteht sich von selbst.

Es stört die Moralapostel nicht im geringsten, dass Demokratie nicht automatisch entsteht, sobald der Despot seinen Hut nimmt. Genauso wenig fällt die eigene Inkonsequenz auf. Denn als Bush seinerzeit für Demokratie eingetreten ist, klangen seine Worte für die meisten im besten Fall nach Einmischung in anderer Nationen innere Angelegenheiten. Richtig zuhören hat sich da erübrigt, erst recht das Nachdenken. Und so kann man seine eigene Moral wenn es sein muss täglich wechseln.

Samstag, 5. Februar 2011

Piefke go home

Interview in der Online-Ausgabe der Zeitung "Der Standard" mit einem Genetiker und einem Künstler über die "Lage der (österreichischen) Nation".

In guter österreichischer Tradition und außerdem auch noch zu Recht wird über die altbekannten Missstände hergezogen. Autoritätsgläubigkeit, Duckmäusertum, ein Ständestaat, in dem Korruption und Filz blühen. Die Menschen lassen sich das alles bieten, denn was sollten sie auch machen gegen die da oben. Statt dessen sieht man lieber zu, dass man versorgt wird. Natürlich kommt die österreichische Bildungsfeindlichkeit zur Sprache, die Unterversorgung der Bildungseinrichtungen, das politische (und auch volkstümliche) Desinteresse an Wissenschaft und Innovation.

Und dann kommt es, der Pferdefuß. Bei der Frage, was er als Erstes täte, wenn er über Nacht Bundeskanzler der Republik Österreich wäre, wird der Künstler gefragt. Seine Antwort:

"Als Erstes würde ich die Studienplätze freimachen für die österreichischen Studenten. Ich würde sagen, wir nehmen so viele auf, wie aus Österreich wollen, und dann kommen die Deutschen und die anderen dran."

Ist das nicht herrlich? Ich vermisste bei der Aufzählung und Geißelung der heimischen Missstände die althergebrachte Xenophobie im Allgemeinen und die Piefkeabneigung im Besonderen. Und siehe da - wir bekommen den besten Beweis dafür im lebendigen Kontext. Unabsichtlich, aber mitten hinein ins Schwarze getroffen.

Freitag, 4. Februar 2011

Die Hand ausstrecken ...

Dieses eine Mal irrt Henryk Broder, wenn er meint, Israel sollte die Hand ausstrecken in Richtung Ägypten.

Es ist wahr, bislang wurden während der Demonstrationen in Ägypten keine israelischen und/oder US-Flaggen verbrannt. Und bist jetzt ist es auch glaubwürdig, dass es den Demonstranten nicht primär um die Erzfeindschaft geht, wenn sie Mubaraks Weggang fordern. Nur: Was sollte die ausgestreckte Hand für eine Botschaft signalisieren?

Die Botschaft wäre eine rein ideologische, die über nationale Interessen - und in diesem Fall geht es um Überlebensinteressen - hinwegsieht. Man muss ja den Ruf nach Freiheit bejahen, wenn man etwas auf sich hält. Aber gelingt das, was die Demonstraten wollen, kann es für Israel schlimme Folgen haben.

Es ist eine vertrackte Situation, in der das wünschenswerte Wohl der anderen für einen selbst eine Bedrohung bedeuten kann. Jedes Land blickt zuerst und vor allem auf das eigene Schicksal und solidarisiert sich erst unter Berücksichtigung desselben. Israel fürchtet um den halbwegs stabilen Frieden mit Ägypten, dessen Garant niemand anderer als Mubarak war.

Es ist ein Leichtes, die Hand auszustrecken und solidarische Gesten in die Welt zu schicken, wenn man damit gar nichts riskiert und - wenn die Hand dankend angenommen wird. Wovon in diesem Fall wohl eher nicht auszugehen ist.

Und dann sei noch leise angemerkt: Was ist schlimmer, die Hand wahllos so ziemlich nach allem auszustrecken, was den eigenen wirtschaftlichen Interessen entspricht, oder das passiv-neutrale Nichtausstrecken und Beobachten?