Montag, 31. Januar 2011

Desdemona im Bikini

Othello im Akademietheater Wien. Nach dem ungewöhnlich langen ersten Akt war das Stück unfreiwillig beendet worden, Desdemona hat sich während der Vorstellung verletzt. Ihr beklagenswertes Ende stand da kurz bevor, aber statt erwürgt zu werden, musste sie im Krankenhaus versorgt werden.

Ich hätte gerne den zweiten (letzten) Akt gesehen, nicht zuletzt ihretwegen, wegen Katharina Lorenz. Sie spielt so, dass es einem gleichgültig wird, ob sie die Desdemona im kurzen Khaki-Kleidchen mit Soldatenkappe, im Bikini, halbnackt oder gar ganz nackt spielt. Dass klassische Stücke neu interpretiert werden, ist ja nichts Neues. Modernes Bühnenbild und neuzeitliche Kostüme tun einem schönen Stück keinen Abbruch für den, der Shakespeare sehen und auch hören will.

Wenn es dabei bliebe. Wenn aber Cassio bis auf die Unterhose ausgezogen wird anstatt dass ihm etwa die Schulterklappen heruntergerissen werden, wenn Emilia und Desdemona sich mehrfach auf der Bühne aus- und wieder anziehen ohne dass ihr Tun mit irgendeinem Strang der Handlung auch das Geringste zu tun hätte, dann beschleicht mich der Verdacht, dass hier etwas hineinregiert wird, was vom Stück wegführt und von ihm ablenkt. Es herrscht manchmal eine Art Aktionismus auf der Bühne, als müsste man dem Publikum mehr bieten als das, was das Stück hergibt, damit sie sich nicht langweilen.

Dieses Mehr ist häufig keine Begleitung oder Akzentuierung, es gerät zum Inhalt und ersetzt ihn stellenweise. Denn wer schaut nicht hin, wenn sich Desdemona im Hintergrund nach ihrem BH nun auch tatsächlich die Unterhose auszieht und uns ihren Hintern präsentiert, während die anderen vorne ihre Texte sprechen? Das zieht Aufmerksamkeit ab - oder sagen wir es gleich unter Benennung des Verursachers: Dem Zuschauer wird absichtlich Ablenkung vom eigentlichen Geschehen geboten.

Ähnliches registriere ich im Text. Kleine flapsige Wendungen, Shakespeare übergestülpt, werden jeweils mit verhaltenem Lachen vom Publikum quittiert, der Überraschungseffekt gelingt also. Wird über den Mohren ob seiner Hautfarbe gelästert, müssen auch die Roma her. Was genau wird damit bezweckt?

Ich weiß ja: Es ist der Bezug zur modernen Zeit, das Hineinbetten ins Heute des Theaterbesuchers. Aber brauchen wir wirklich derartige Krücken und Nachhilfeaktionen? Ist es nicht auch eine Geringschätzung des Pulikums? Kann ich den Bezug zu meinem Heute nicht auch alleine herstellen, muss ich ihn mir in vorgefertigter Form aufnötigen lassen?

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