Othello im Akademietheater Wien. Nach dem ungewöhnlich langen ersten Akt war das Stück unfreiwillig beendet worden, Desdemona hat sich während der Vorstellung verletzt. Ihr beklagenswertes Ende stand da kurz bevor, aber statt erwürgt zu werden, musste sie im Krankenhaus versorgt werden.
Ich hätte gerne den zweiten (letzten) Akt gesehen, nicht zuletzt ihretwegen, wegen Katharina Lorenz. Sie spielt so, dass es einem gleichgültig wird, ob sie die Desdemona im kurzen Khaki-Kleidchen mit Soldatenkappe, im Bikini, halbnackt oder gar ganz nackt spielt. Dass klassische Stücke neu interpretiert werden, ist ja nichts Neues. Modernes Bühnenbild und neuzeitliche Kostüme tun einem schönen Stück keinen Abbruch für den, der Shakespeare sehen und auch hören will.
Wenn es dabei bliebe. Wenn aber Cassio bis auf die Unterhose ausgezogen wird anstatt dass ihm etwa die Schulterklappen heruntergerissen werden, wenn Emilia und Desdemona sich mehrfach auf der Bühne aus- und wieder anziehen ohne dass ihr Tun mit irgendeinem Strang der Handlung auch das Geringste zu tun hätte, dann beschleicht mich der Verdacht, dass hier etwas hineinregiert wird, was vom Stück wegführt und von ihm ablenkt. Es herrscht manchmal eine Art Aktionismus auf der Bühne, als müsste man dem Publikum mehr bieten als das, was das Stück hergibt, damit sie sich nicht langweilen.
Dieses Mehr ist häufig keine Begleitung oder Akzentuierung, es gerät zum Inhalt und ersetzt ihn stellenweise. Denn wer schaut nicht hin, wenn sich Desdemona im Hintergrund nach ihrem BH nun auch tatsächlich die Unterhose auszieht und uns ihren Hintern präsentiert, während die anderen vorne ihre Texte sprechen? Das zieht Aufmerksamkeit ab - oder sagen wir es gleich unter Benennung des Verursachers: Dem Zuschauer wird absichtlich Ablenkung vom eigentlichen Geschehen geboten.
Ähnliches registriere ich im Text. Kleine flapsige Wendungen, Shakespeare übergestülpt, werden jeweils mit verhaltenem Lachen vom Publikum quittiert, der Überraschungseffekt gelingt also. Wird über den Mohren ob seiner Hautfarbe gelästert, müssen auch die Roma her. Was genau wird damit bezweckt?
Ich weiß ja: Es ist der Bezug zur modernen Zeit, das Hineinbetten ins Heute des Theaterbesuchers. Aber brauchen wir wirklich derartige Krücken und Nachhilfeaktionen? Ist es nicht auch eine Geringschätzung des Pulikums? Kann ich den Bezug zu meinem Heute nicht auch alleine herstellen, muss ich ihn mir in vorgefertigter Form aufnötigen lassen?
Montag, 31. Januar 2011
Samstag, 29. Januar 2011
"Besser schützen"? Nein, überhaupt schützen
Der Fall des verschwundenen Mirco aus Grefrath ist nun auf traurige Weise gelöst, seine Leiche ist gefunden worden. Das Tatmotiv ist schier unglaublich: Beruflicher Stress und Frust über den Vorgesetzten trieben einen mehrfachen Familienvater zum Mord, dies ist zumindest der Stand der Erkenntisse.
Die übliche mediale Verarbeitung in Form von Artikeln wie zum Beispiel "Wie können wir unsere Kinder besser schützen" bleibt uns nicht erspart. "Kann ich mein Kind noch alleine in die Schule lassen?" Ja natürlich, liebe besorgte Eltern, das kann man wohl. Zu den üblichen Schulzeiten ist es hell, andere Menschen sind auch unterwegs, ein Hilferuf wird gehört und die Hemmschwelle frustrierter Angestellten funktioniert zuverlässiger.
Wieso war aber der zehnjährige Mirco um 22 Uhr abends in der Dunkelheit alleine auf der Straße unterwegs? Die Frage ist nicht die, wie man ihn hätte besser schützen können, sondern wieso man ihn, ein bloß zehnjähriges Kind, zur späten Stunde in der Dunkelheit überhaupt alleine auf die Straße ließ.
Die übliche mediale Verarbeitung in Form von Artikeln wie zum Beispiel "Wie können wir unsere Kinder besser schützen" bleibt uns nicht erspart. "Kann ich mein Kind noch alleine in die Schule lassen?" Ja natürlich, liebe besorgte Eltern, das kann man wohl. Zu den üblichen Schulzeiten ist es hell, andere Menschen sind auch unterwegs, ein Hilferuf wird gehört und die Hemmschwelle frustrierter Angestellten funktioniert zuverlässiger.
Wieso war aber der zehnjährige Mirco um 22 Uhr abends in der Dunkelheit alleine auf der Straße unterwegs? Die Frage ist nicht die, wie man ihn hätte besser schützen können, sondern wieso man ihn, ein bloß zehnjähriges Kind, zur späten Stunde in der Dunkelheit überhaupt alleine auf die Straße ließ.
Mittwoch, 19. Januar 2011
Wanderer, kommst du nach Nazareth ...
... dann lass schon mal vorsorglich jede Hoffnung fallen. Denn wer sich im Zentrum der Stadt der Verkündigungskirche nähert, wird direkt davor mit einer etwas unfreundlichen Nachricht im Großformat konfrontiert: „Wer eine andere Religion als den Islam begehrt, nimmer soll sie von ihm angenommen werden, und im Jenseits wird er unter den Verlierern sein.“ Ungläubige wie ich dürfen sich wohl gleich mitverstanden fühlen. Aber warum wird der Besucher ausgerechnet vor der Verkündigungskirche durch das dunkle Raunen des bekannten Koranspruchs begrüßt?
An dieser Stelle, die gläubige Muslime als die Grabesstätte von Shahab al-Din verehren, sollte eine Moschee entstehen. Shahab al-Din besiegte zwar die Kreuzritter im Jahre 1187, dumm nur, dass Erzengel Gabriel an ebendieser Stelle auch vorbeigekommen sein und die Geburt Christi verkündet haben soll. Was tun also bei dem Konflikt? „Ätsch, der Gabriel war früher da“ – nein, das hätte wohl nicht so recht ins Schwarze getroffen.
Kein Paradox, den es nicht gibt im Nahen Osten: Den lange währenden Moschee-Streit zwischen Muslims und Christen entschieden die Juden. Israel verbot letztendlich den Bau der Moschee an dieser Stelle. Der weltweite Protest unter den Christen war nur eines der Argumente. Hinzu kam, dass sich die muslimischen Verantwortlichen weigerten, die früheren Vereinbarungen bezüglich der Größe bzw. der Höhe der Mosche einzuhalten. Vorschläge für einen alternativen Standort wurden abgelehnt.
Das Streben nach Höherem ist ja nichts Unbekanntes auf dem Gebiet. Unser freundlicher Begleiter und Gastgeber in der Stadt ist arabischer Christ, Sproß einer alteingesessenen angesehenen Familie. Er erzählte uns eine Geschichte, die die Tragweite des Größenarguments zusätzlich verdeutlicht. Im westlichen Teil der Stadt entstand eine christliche Siedlung mit mehrstöckigen Neubauten. Die fertigen Bauten überragten das Minarett der benachbarten Moschee um ein Weniges, taten dies allerdings eindeutig ohne religiöse Ambitionen, zumal es sich um reine Wohnhäuser handelte. Daraufhin wurde das Minarett nach oben „verlängert“, um die Größenverhältnisse ein für alle Mal eindeutig klarzustellen. Hätte man die gleiche Anpassungsprozedur beim Bau der geplanten Moschee an der Verkündigungskirche ebenfalls befolgt, wären die städtebaulichen und sonstigen Folgen nicht auszudenken gewesen, zumal die Basilika selbst keine bescheidene Hütte ist.
Unser Begleiter sagte: Er sei froh, ein Israeli zu sein, nicht nur, aber auch wegen der Entscheidungsfreudigkeit Israels in derartigen Angelegenheiten. Die westeuropäische Appeasement-Politik schmecke ihm gar nicht, sie führe in den Untergang. Mir fiel der geplante Moscheebau am ground zero ein, aber auch das Märchen mit den drei Schweinchen, das sich als politisch unkorrekt erwiesen hat, die Geschichte der Richterin, die das Schlagen einer Ehefrau mit den Sitten im fernen Heimatland verteidigte und vieles andere mehr. Etwas, das seine Worte hätte widerlegen können, fiel mir nicht ein.
An dieser Stelle, die gläubige Muslime als die Grabesstätte von Shahab al-Din verehren, sollte eine Moschee entstehen. Shahab al-Din besiegte zwar die Kreuzritter im Jahre 1187, dumm nur, dass Erzengel Gabriel an ebendieser Stelle auch vorbeigekommen sein und die Geburt Christi verkündet haben soll. Was tun also bei dem Konflikt? „Ätsch, der Gabriel war früher da“ – nein, das hätte wohl nicht so recht ins Schwarze getroffen.
Kein Paradox, den es nicht gibt im Nahen Osten: Den lange währenden Moschee-Streit zwischen Muslims und Christen entschieden die Juden. Israel verbot letztendlich den Bau der Moschee an dieser Stelle. Der weltweite Protest unter den Christen war nur eines der Argumente. Hinzu kam, dass sich die muslimischen Verantwortlichen weigerten, die früheren Vereinbarungen bezüglich der Größe bzw. der Höhe der Mosche einzuhalten. Vorschläge für einen alternativen Standort wurden abgelehnt.
Das Streben nach Höherem ist ja nichts Unbekanntes auf dem Gebiet. Unser freundlicher Begleiter und Gastgeber in der Stadt ist arabischer Christ, Sproß einer alteingesessenen angesehenen Familie. Er erzählte uns eine Geschichte, die die Tragweite des Größenarguments zusätzlich verdeutlicht. Im westlichen Teil der Stadt entstand eine christliche Siedlung mit mehrstöckigen Neubauten. Die fertigen Bauten überragten das Minarett der benachbarten Moschee um ein Weniges, taten dies allerdings eindeutig ohne religiöse Ambitionen, zumal es sich um reine Wohnhäuser handelte. Daraufhin wurde das Minarett nach oben „verlängert“, um die Größenverhältnisse ein für alle Mal eindeutig klarzustellen. Hätte man die gleiche Anpassungsprozedur beim Bau der geplanten Moschee an der Verkündigungskirche ebenfalls befolgt, wären die städtebaulichen und sonstigen Folgen nicht auszudenken gewesen, zumal die Basilika selbst keine bescheidene Hütte ist.
Unser Begleiter sagte: Er sei froh, ein Israeli zu sein, nicht nur, aber auch wegen der Entscheidungsfreudigkeit Israels in derartigen Angelegenheiten. Die westeuropäische Appeasement-Politik schmecke ihm gar nicht, sie führe in den Untergang. Mir fiel der geplante Moscheebau am ground zero ein, aber auch das Märchen mit den drei Schweinchen, das sich als politisch unkorrekt erwiesen hat, die Geschichte der Richterin, die das Schlagen einer Ehefrau mit den Sitten im fernen Heimatland verteidigte und vieles andere mehr. Etwas, das seine Worte hätte widerlegen können, fiel mir nicht ein.
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